Die leise Sucht

von Susanne E. Kaiser

Die Superfrauen von heute sind attraktiv, erfolgreich, niemals müde oder schlecht gelaunt. Um leistungsfähig zu bleiben, greifen viele zu Alkohol und Tabletten

frauen und sucht Ein Gläschen Wein zum Abschalten: Die Sucht bei Frauen beginnt leise
Bild: PhotoDisc

          
Die Sucht bei Frauen beginnt leise und unauffällig. Ein Glas Cognac zum "Runterkommen" nach einem langen Arbeitstag - niemand denkt sich etwas dabei. Doch irgendwann läuft nichts mehr ohne den kleinen Schluck nach Feierabend. Derzeit leben rund 530.000 Alkoholikerinnen in Deutschland, schätzt die Deutsche Hauptstelle gegen die Suchtgefahren (DHS) in Hamm. Außerdem gelten eine Million Frauen als schwer medikamentenabhängig. Allen voran stehen Beruhigungsmittel wie Valium. Verschreibungsgrund sind meistens so genannte psychosomatische oder Befindlichkeitsstörungen wie Nervosität, Schlafprobleme oder Herzrhythmusstörungen ohne organische Ursache. "Die meisten Ärzte haben nicht die Zeit, um nach seelischen Ursachen zu forschen," sagt Carmen Walcker-Meyer, Geschäftsführerin des Frauensuchtprojekts StoffBruch in Berlin Mitte. Stress im Job und in der Familie oder abschalten nach einem langen Tag: Es gibt viele Gelegenheiten, bei denen Frauen zum Glas oder zu Tabletten greifen.

"Alkohol und Medikamente dienen zunächst als Helfer in schwierigen Situationen", sagt Victoria Kerschl vom Verein FrauSuchtZukunft in Berlin. "Später verheimlichen die Frauen ihre Sucht, weil sie sich schämen." Familie und Umfeld nehmen zunächst nicht wahr, dass etwas nicht stimmt. Die Schnapsflasche wird in der Küche versteckt, die Tabletten heimlich genommen. Die Alkoholfahne wird mit Pfefferminze überdeckt, die leeren Flaschen und Tablettenschachteln heimlich aus dem Haus geschafft. Nach außen halten die Frauen die Fassade so lange wie möglich aufrecht.