Frauen schlucken und schweigen!

Reinen Schätzungen zu folge stellt sich die Geschlechtsrelation wie folgt dar:
  • Von den insgesamt 2,5 Millionen geschätzten stark gefährdeten oder alkoholabhängigen Menschen in Deutschland sind etwa 1/3 Frauen.
  • Von den bis zu 1,4 Millionen Menschen als medikamentenabhängig eingeschätzten Menschen sind 2/3 Frauen.
  • Von den ca. 10 Millionen süchtigen Rauchern sind 1/3 Frauen.
  • Von den etwa 160.000 Drogenabhängigen sind etwa 30-40% Frauen.
  • Bei der Zahl der Essgeschädigten ist sogar von einem Frauenanteil von bis zu 90% auszugehen.
  • Darüber hinaus, so schätzt man, sind abhängige Frauen oftmals mehrfach abhängig (= gleichzeitige Einnahme von Alkohol, Drogen und Medikamenten, evtl. auch zusätzlich bestehende Essstörungen)
Betrachtet man nun die Krankheit Sucht unter geschlechtsspezifischen, in diesem Fall insbesondere unter frauenspezifischen Gesichtspunkten, fällt bei der weiblichen Bevölkerung ein mehr heimlicher Gebrauch von Suchtmitteln auf.

Unter medizinischen Aspekten ist zu berücksichtigen, dass der weibliche Organismus in der Regel eine niedrigere Alkoholtoleranz aufweist und die Erkrankung daher bei der Frau einen rascheren Verlauf nimmt. Es kommt zur Verschlechterung des Allgemeinzustandes und zu diversen neurotischen Störungen, Depressionen, Angstzustände, psychosomatische Beschwerden. Häufig setzt auch eine absolute Interessensverarmung ein, die schließlich zur totalen Vereinsamung führt.

Führender Konflikt bei den Frauen ist das Merkmal 'Partner und Familie', während es bei den Männern eher die Bereiche Beruf und die eigene Persönlichkeit sind . Die mangelnde Identitätsfindung ist bei den von Alkohol und/ oder Medikamenten abhängigen Frauen stark ausgeprägt.

Eine besondere Rolle scheint dabei die weibliche Rollenvorstellungen der Mädchen und Frauen zu spielen. Bezeichnend dafür sind z.B. folgende Aussagen von verschiedenen Patientinnen:
A: "Ich spürte schon lange, dass ich nicht nur mit mir als Mensch, insbesondere mit meiner mir zugedachten Rolle als Frau nicht zurecht kam."

B: "Als die Kinder groß wurden und meine Funktion als Hausfrau und Mutter nicht mehr so gefragt war, entstand in mir eine große Leere. Ich konnte mit mir nichts anfangen und griff immer häufiger zum Tröster Alkohol."

C: "Ich floh mit Hilfe des Suchtmittels vor meiner offensichtlichen Unfähigkeit, die von Anderen, aber vor allem von mir selbst an mich gestellten Erwartungen als berufstätige Ehefrau und Mutter zu erfüllen."

D: "Mit meinem ständigen Bemühen, es meiner Umgebung Recht zu machen um geachtet, geschätzt und geliebt zu werden, geriet ich in eine starke Überforderung, die ich mit Medikamenten zu bekämpfen versuchte."

Diese Aussagen, die sich nach Belieben fortsetzen ließen, verdeutlichen auch, wie abhängig grade weibliche Patientinnen vom Werturteil Ihrer Umgebung sind. Ein gesundes Selbstbewusstsein als unabdingbare Voraussetzung für eine ausreichende Identitätsfindung konnte offensichtlich nicht entwickelt werden. Da die Grundsteine dafür in der Kindheit gelegt werden, ist es erforderlich sich mit der Frage, welche Rolle die Erziehung bei der Entwicklung der Sucht bei Frauen spielt, zu befassen.

Auswirkung der Erziehung

Betroffene Frauen leben häufiger in zerrütteten oder unvollständigen Familienverhältnissen, z.B. haben sie häufig einen Elternteil schon früh durch Ehescheidung oder Tod verloren. Im Vergleich zu weiblichen Nichtkonsumenten treten bei süchtigen Frauen in stärkerem Maße Störungen der Kindheits- und Jugendbeziehungen zu den Eltern auf. Da Mädchen aber schon im kindlichen Entwicklungsprozess stärker auf die emotionale Zuwendung ausgerichtet sind, trifft sie eine Zerrüttung der elterlichen Familie im Durchschnitt mehr als die männliche Bevölkerung.

"Durch bestimmte Aussagen und Verhaltensweisen meiner Eltern, die sich ständig stritten, entwickelten sich bei mir große Unsicherheiten und Minderwertigkeitsgefühle." Daraus ergibt sich das Bemühen, durch totale Verhaltensanpassung die Erwartungen der Eltern zu befriedigen um damit z.B. eine Trennung der Eltern zu verhindern.

Kommt es trotzdem zur Trennung, wird es häufig als eigenes Versagen erlebt. Diese "Niederlage" kann oft nicht in Bezug gesetzt werden zur Realität. Es bleiben Schuldgefühle zurück, die durch noch mehr Anpassung und noch mehr Leistung zu kompensieren versucht werden. Dafür spricht auch die Tatsache, dass Alkoholikerinnen später, sowohl in ihrem Beruf als auch in ihrer Rolle als Hausfrau und Mutter, stets perfekt sein wollen.

Die Bedürfnisse Anderer vollkommen zu befriedigen ist und bleibt oft ihr einziger Lebenssinn. Diese übertriebenen, ja z.T. schon zwanghaften Ansprüche an sich selbst führen aber zwangsläufig zu erneuten Niederlagen, mit denen in der Regel nicht angemessen umgegangen werden kann.

Zusammenfassend zum Thema Erziehung kann also festgestellt werden, dass die Beziehungen zu den Eltern eher negativ gefärbt sind. Sowohl die Gefühle zum Vater, der häufig als selbstherrlich, streng und unbeherrscht erlebt wird, wie auch die Gefühle zur Mutter, die oft als schwach, duldsam und in Bezug auf die Tochter als anklammernd wahrgenommen wird, sind sehr ambivalent.

Da das Kind aber von beiden angenommen und geliebt werden möchte, werden negative Gefühle bis ins Unbewusste verdrängt. Das Kind baut sich eine Scheinwelt auf, in der meist insbesondere die Mutter als Identifikationsfigur für die Tochter stark idealisiert wird. Dieses unrealistische Bild der Mutter setzt sich später in einer sehr verzerrten Selbstwahrnehmung fort.

Dieses wird deutlich erkennbar, wenn man die erhebliche Differenz zwischen Selbst- und Idealbild der abhängigen Frau betrachtet . Die negativen Gefühle in bezog auf den Vater können in der Regel eher zugelassen werde, besonders wenn dieser, wie es bei den Vätern alkoholkranker Frauen häufig der Fall ist, zu Gewaltausbrüchen neigt.