Ursachen von Süchten und Abhängigkeiten bei Frauen

süchte und abhängigkeiten 3Weder in der Medizin noch in den Sozialwissenschaften finden sich wirklich befriedigende Erklärungen für die Entstehung von Sucht, aber es herrscht Einigkeit darüber, dass es sich um ein "multifaktorielles Geschehen" handelt. Dennoch lassen sich bei Frauen eine Reihe von geschlechtsspezifischen Faktoren feststellen, die auf die eine oder andere Art und Weise das Suchtverhalten fördern. Eine grundlegende Vorbedingung ist die geschlechtsspezifische Sozialisation. Frauen müssen gefallen, gefällig sein, um überleben zu können - das wird ihnen zumindest in der Erziehung suggeriert. Die eigenen Bedürfnisse müssen zurückgeschraubt, eigene Wünsche unterdrückt werden. Wenn die daraus entstehenden Konflikte unerträglich werden, entwickeln Frauen psychosomatische Symptome, Depressionen oder greifen zu Drogen. Mit einer selbst gewählten Abhängigkeit tun manche Frauen zum ersten Mal in ihrem Leben etwas für sich selbst, ohne erlerntes Verhalten dafür aufgeben zu müssen.
 
Auch in den Biographien süchtiger Frauen fallen wiederholt die Gewalt Erfahrungen der Betroffenen in der Kindheit auf. Jede Frau in unserer Gesellschaft ist der strukturellen Gewalt ausgesetzt, die gesellschaftsimmanent ist und die Geschlechterverhältnisse mitdefiniert. Prinzipiell richtet sich Gewalt von Männern gegen Frauen, und auch sexuelle Gewalt und Gewalt in der Familie dient dazu, bestehende Machtstrukturen zu festigen.
Dass Frauen an dieser Situation teilhaben, ändert nichts an ihrer grundlegenden und lebenslangen Benachteiligung. Süchtige Frauen sind in erschreckendem Ausmaß das Opfer von Gewalt auf der persönlichen Ebene, in der Ehe oder Partnerbeziehung. Sie nehmen Drogen, um sich gegen die täglichen Misshandlungen abzustumpfen, um die unerträgliche Situation erträglicher zu machen. Bei einem hohen Prozentsatz der Betroffenen findet sich fortgesetzter sexueller Missbrauch durch nahe männliche Angehörige bereits seit der frühen Kindheit; besonders bei essgestörten Frauen, die eine Therapieeinrichtung aufsuchen, ist dies fast schon die Norm. Emotionale Probleme und Beziehungsstrukturen sind mit dem Suchtgeschehen stets untrennbar verbunden. Frauen sind in unserer Kultur nach wie vor für die emotionale Stabilität innerhalb der Familie zuständig, sie sollen Liebe, Geborgenheit und psychische Sicherheit an alle Familienmitglieder vermitteln, ungeachtet ihrer eigenen Gefühlszustände. Gleichzeitig sind aber viele Frauen aufgrund ihrer Erwerbstätigkeit einer ganzen Reihe zusätzlicher Stressfaktoren ausgesetzt. Dennoch wird von ihnen verlangt, mit unvermindertem Energieaufwand die emotionalen Belastungen ihrer Angehörigen in allen Lebenslagen aufzufangen - ein Ding der Unmöglichkeit in einer zusehends komplexer werdenden Gesellschaft. Ein Politiker sagte einmal, dass eine gute Ehefrau besser sei als jeder Herzschrittmacher. Aber wer soll als der Herzschrittmacher der Frau fungieren? Die permanente psychische und emotionale Überforderung der Frauen kann nicht ohne Konsequenzen bleiben.