Rückfall, ein Auszug aus dem Buch:

„Lieber schlau als blau" von Johannes Lindenmeyer

Der Freundeskreis-Emsland e.V in Partnerschaft mit "amanzon.de"

Herr R., ein Freiburger Geschäftsmann, hat erfolgreich eine Therapie wegen Alkoholabhängigkeit abgeschlossen und lebt seit fast einem Jahr ohne größere Probleme abstinent. Gerade hat er eine ganze Woche über beruflich in Düsseldorf zu tun gehabt. Er möchte nun am Wochenende unbedingt rechtzeitig zu Hause sein, weil seine Frau für Freitagabend mehrere Bekannte eingeladen hat. Gegen 13.00 Uhr ruft Herr R. seine Frau aus Düsseldorf an und teilt ihr mit, dass er sich jetzt mit dem Auto auf den Heimweg machen werde.
 
Als er allerdings gegen 19.00 Uhr immer noch nicht zu Hause angekommen ist, beginnt seine Frau sich Sorgen zu machen. Die bereits eingetroffenen Gäste versuchen sie damit zu beruhigen, dass Herr R möglicherweise in einem der zahlreichen Staus auf der Autobahn „hängen geblieben" sei und sicherlich bald eintreffen werde.

Gegen 21.00 Uhr meldet sich Herr R. schließlich am Telefon. Deutlich angetrunken erklärt er seiner fassungslosen Frau, dass er wegen eines riesigen Staus auf der A 61 heute nicht mehr nach Hause kommen könne, sondern in dem kleinen Ort Edenkoben in der Pfalz übernachten werde. Auf die vorwurfsvollen Fragen seiner Frau, was denn wirklich passiert sei, antwortet Herr R. nur, dass er „ eben einfach wieder getrunken" habe, und legt auf.

Frau R. ist vollkommen verzweifelt, sie kann sich einfach nicht erklären, warum dieser Rückfall eingetreten ist, „wo doch bislang alles so glatt gegangen war „. Die meisten Angehörigen von Alkohol oder Medikamentenabhängigen haben insgeheim große Angst, plötzlich von einem Rückfall überrascht zu werden. Zu oft sind sie in der Vergangenheit enttäuscht worden, als dass sie so ohne weiteres an eine dauerhafte Abstinenz glauben können. Entsprechend werden viele auch nach einer längeren Zeit der Abstinenz automatisch unruhig, wenn sich der Partner plötzlich wieder „ wie früher „verhält, seine früheren Trinkkumpane besuchen will oder sich einfach erheblich verspätet.

Die Einstellung der Betroffenen selbst ist hierzu sehr unterschiedlich. Manche sind verbittet, dass man ihnen trotz längerer Abstinenz immer noch nicht vertraut. Andere befürchten selbst insgeheim einen Rückfall, und trauen sich nicht offen darüber zu sprechen, um ihre Umwelt nicht noch misstrauischer zu machen. Wieder andere nehmen es sich erst gar nicht vor, auf Dauer abstinent zu leben, um bei einem Rückfall nicht so enttäuscht zu sein, nach dem Motto „Ich hab es ja gleich gewusst"

Gemeinsam ist aber den meisten Abhängigen und ihren Angehörigen, dass sie keine rechte Vorstellung davon haben, was sie eigentlich zur Vermeidung eines Rückfalls unternehmen können. Diesbezüglich ist dann viel von „festem Willen" oder der Hoffnung die Rede, dass „die Therapie hält". Auch die beiden häufigsten Begründungen zur Erklärung eines Rückfalls drücken diese Hilflosigkeit der Beteiligten aus:
„Ich weiß auch nicht, wie es kam. Ich habe halt einfach wieder angefangen"

„Bei diesen Problemen war es ja kein Wunder, dass ich wieder angefangen habe"

In beiden Fällen wird versucht, den Rückfall als unvermeidbares Ereignis darzustellen, auf das man eben keinerlei Einflussmöglichkeit hatte. Solche Erklärungen mögen zwar kurzfristig zur Entlastung von Schuldgefühlen taugen. Langfristig würde dies aber bedeuten, dass immer mit einem Rückfall aus heiterem Himmel gerechnet werden muss, weil es keinerlei wirksamen Schutz hiervor gibt.
Im folgenden soll das schrittweise Zustandekommen eines Rückfalls erläutert werden.