Das Urgestein der Freundeskreise ist gestorben

2017.03. Karl Votteler.
„Es sind alles meine Freunde und Freunde enttäuscht man nicht“, lautete das Motto von Karl Votteler, dem Mitbegründer der Freundeskreise für Suchtkrankenhilfe Landesverband Württemberg e.V..

Am 10. Februar starb der Reutlinger kurz nach seinen 90. Geburtstag.
 
Karl Votteler war ein Visionär, ein Urgestein, der sich energisch wie ein Feldwebel für die Interessen der Betroffenen und für die Suchtselbsthilfe eingesetzt hat. Als junger Mann hatte er ein Problem: Er trank zu viel. „Doch dieses Problem hatten viele Kriegsheimkehrer“, sagt er später, und „das gesellschaftliche Bild des Alkoholikers glich im Nachkriegsdeutschland dem eines willensschwachen und charakterlosen Menschen, der keinen gesetzlichen Anspruch auf eine Heilbehandlung hatte.“ Nach einer Kur in der damaligen „Trinkerheilstätte“ Haus Burgwald im Jahr 1956 war es Karl Vottelers oberstes Ziel, trocken zu bleiben. Er animierte ebenfalls Betroffene zu regelmäßigen Treffen im heimischen Wohnzimmer zur Unterstützung der eigenen Abstinenz und zur Unterstützung der Familien auf dem Weg in eine suchtmittelfreie Lebensgestaltung – so entstanden die ersten Selbsthilfegruppen der späteren „Freundeskreise für Suchtkrankenhilfe“ – dabei wurden Hausbesuche für Karl Votteler zum wesentlichen Bestandteil seines Engagements. Und nicht nur einmal holte er einen Freund am Freitagabend am Werkstor ab, damit der Wochenlohn bei der Familie ankam anstatt in der nächsten Kneipe verloren zu gehen. Verständnis für die Nöte der Betroffenen und das gemeinsame Ziel, suchtmittelfrei zu leben, sorgten Sonntag für Sonntag für ein volles Wohnzimmer. Darüber hinaus engagierte Karl Votteler sich in Gemeinden, Schulen, Krankenhäusern und sprach mit Ärzten über das, worüber lange nur unter vorgehaltener Hand getuschelt worden war: Alkoholmissbrauch. Das Ehepaar mit vier Kindern und einem Malergeschäft war in der Region so bekannt, dass die Polizei an einem Heiligabend einmal zwei Kinder einer betrunkenen Mutter bei ihnen ablieferte.
Im Oktober 1957 gründeten Vottelers den „Verein ehemaliger Burgwälder“, der sich zu einem stetig wachsenden Freundeskreis entwickelte. Karl Votteler bereiste die ganze Republik, leistete Aufklärungsarbeit und half bei der Gründung weiterer Freundeskreise. Dabei wurden auch Kontakte in die damalige DDR geknüpft. Vorbildhaftes Verhalten, Konsequenz und Zuverlässigkeit zeichneten Vottelers aus. Dafür erhielt Karl Votteler das Kronenkreuz der Diakonie in Gold, das Bundesverdienstkreuz am Bande sowie die Staufermedaille des Landes Baden-Württemberg.
„Menschen müssen eine Aufgabe haben, sinnvoll wirken können, Freude am Leben spüren und offen für andere sein“, betonte Karl Votteler immer wieder. Denn aus eigener Erfahrung weiß er: „Gemeinsames Erleben verbindet und Menschen müssen dort abgeholt werden, wo sie sind, um im Alltag wieder zurecht zu kommen.“ Der Pionier Karl Votteler und seine Frau Ruth haben ihre Freunde an die Hand genommen. Der Kampf gegen Alkoholmissbrauch und der Wille zur Abstinenz wurden ihnen zur Lebensaufgabe, aus der die heutigen Freundeskreise für Suchtkrankenhilfe mit 16 Landesverbänden und einem Bundesverband entstanden sind.

Rainer Breuninger, Geschäftsführer
Freundeskreise für Suchtkrankenhilfe
Landesverband Württemberg e.V.