"Abhängigkeit ist schwer einzugestehen"

Die Alkohol- und Tablettenabhängigkeit bei Frauen ist kein Problem von sozialen Randgruppen. Drei Viertel aller Frauen, die sich wegen ihrer Alkoholkrankheit zu einer Beratungsstelle begeben, sind berufstätig. Rund die Hälfte lebt in einer festen Beziehung, viele haben Kinder. Untersuchungen des EU-Projekts "Alkoholkonsum und Alkoholprobleme bei Frauen in europäischen Ländern" ergaben, dass Frauen im mittleren Alter mit guter Ausbildung und höherem sozialen Status deutlich mehr Alkohol trinken als andere Frauen. Je länger die Ausbildung, desto höher liegt der tägliche Alkoholverbrauch. Die täglich konsumierte Alkoholmenge sagt zwar nichts über eine Abhängigkeit aus, doch mit steigender Menge und Regelmäßigkeit steigt auch das Risiko, süchtig zu werden.
 
Nimmt eine Frau täglich 40 Gramm reinen Alkohol oder mehr zu sich, gilt sie als stark suchtgefährdet. Ein Viertelliter Bier oder 0,1 Liter Wein beispielsweise enthalten bereits zehn Gramm Alkohol. Die Frauen, die in die Beratungsstelle der FrauSuchtZukunft kommen, sind meist zwischen 28 und 42 Jahren alt. Viele leben schon jahrelang unentdeckt mit ihrer Krankheit. "Frauen haben es schwer, sich die Abhängigkeit einzugestehen", berichtet Victoria Kerschl.

Oft liegen die Ursachen für die spätere Abhängigkeit schon in der Kindheit. Seelische oder körperliche Gewalt oder das Suchtverhalten der Eltern sind bei der Entstehung der Sucht entscheidend. Eine der Hauptursachen scheint aber die permanente Überforderung in Job und Familie zu sein. Claudia Bebko und Jo-Ann Krestan beschreiben in ihrem Buch "Das Superfrauen-Syndrom" die Frau von heute. Sie muss eine Superfrau sein: attraktiv, erfolgreich, niemals müde oder schlecht gelaunt, Ehefrau, Mutter, Karrierefrau. Dieser Zwang, es allen recht zu machen, ist verheerend für das Selbstwertgefühl. Er ist der Grund, warum Frauen sich ständig selbst überfordern und die eigenen Bedürfnisse in den Hintergrund drängen. Alkohol und Tabletten scheinen dann oft der einzige Weg, um leistungsfähig zu bleiben.