Wege aus der Abhängigkeit

süchte und abhängigkeiten 4jpgSchätzungsweise 1,8 Millionen Frauen in Deutschland sind abhängig von illegalen Drogen, Alkohol und Medikamenten. Statistisch nicht erfasst wird die wahrscheinlich ungleich höhere Zahl von Frauen, die von der Sucht ihrer Angehörigen mitbetroffen sind und ebenfalls dringend Hilfe benötigen. Zur Zeit stehen etwa 1200 ambulante Beratungsstellen und etwa 18000 stationäre Plätze für Entwöhnung und Rehabilitation innerhalb der konventionellen Suchtkrankenhilfe zur Verfügung. Aber die Existenz dieser Einrichtungen sagt noch nichts über ihre Effektivität aus. Gerade in Bezug auf Frauen ist der Nutzen der vorhandenen Therapien und Therapiekonzepte in jüngerer Zeit in den Blickpunkt - besonders der feministischen - Kritik geraten, denn die Hilfsangebote sind aufgrund ihrer an der Gesamtgesellschaft orientierten Struktur äußerst problematisch, oftmals sogar frauenfeindlich. Daher sind dauerhafte therapeutische Erfolge selten, und Rückfälle an der Tagesordnung. Dieses Versagen wird jedoch dem Individuum angelastet, niemals der Institution.

Therapeutische Vorgehensweisen, die beide Geschlechter mit einbeziehen, sind mehr als fragwürdig, da in diesen Gruppen die gesellschaftlichen Verhältnisse allzu leicht reproduziert werden, mit dem Resultat, dass die Frauen, gemäß der ihnen zugeschriebenen Rolle, passiv gemacht und zum Schweigen gebracht werden. Um Frauen wirksam helfen zu können, müssen die Gewalt Erfahrungen der Betroffenen thematisiert und verarbeitet werden, etwas, das in der konventionellen Suchthilfe grundsätzlich ausgeklammert bleibt. Zudem ist es unerlässlich, eine Atmosphäre zu schaffen, in der Frauen ohne Hemmungen sprechen und agieren können, in der sie Schwächen zeigen dürfen, aber auch ihr Selbstvertrauen stärken und neue Lebensentwürfe entwickeln können. Ein erfolgversprechendes Therapiekonzept muss daher auf der Basis von reinen Frauengruppen entwickelt werden, es muss ein Angebot von Frauen für Frauen sein. Diesem Anspruch werden die alternativen, feministisch ausgerichteten Beratungsstellen gerecht, von denen es allerdings noch nicht sehr viele gibt.

In Bezug auf Süchte, Abhängigkeiten und gangbaren Wegen zur Hilfe gibt es zur Zeit mehr Fragen als Antworten; sowohl kritische und detaillierte Analysen der bestehenden Denkmodelle und Institutionen als auch neue theoretische Ansätze und therapeutische Entwürfe sind dringend notwendig, um das Suchtproblem in unserer Gesellschaft in Zukunft auf adäquatere Weise zu handhaben. Die Antwort muss auch in der Veränderung der gesellschaftlichen Strukturen gesucht werden, denn 1,8 Millionen Frauen lassen sich nicht therapieren.

Dieser Artikel ist erschienen in:
Clio. Eine feministische Zeitschrift zur gesundheitlichen Selbsthilfe, Nr. 46/1998, S. 4-6.