5. Wer ist Alkoholiker?

Das ist das "Schöne" an dieser Krankheit: Sie ist absolut ohne soziale Grenzen. Der Hilfsarbeiter in der Fabrik kann genauso zum Trinker werden wie der Richter, die Unternehmerin, der Pilot, der Chefarzt, die Hausfrau oder die Sekretärin. Es kann absolut jeden treffen. Ein Alkoholiker ist längst nicht nur der Obdachlose am Straßenrand.

Und da liegt wohl auch eines der Probleme des Erkennens und vor allem der Akzeptanz dieser Krankheit. Zuckerkrankheit, Herzinfarkt und Gallensteine sind, von der sozialen Anerkennung betrachtet, kein Problem. Aber Alkoholismus ist immer noch gesellschaftlich geächtet. Damit möchte ich jetzt keinen Feldzug beginnen, Alkoholismus "in" zu machen. Aber durch die soziale Ächtung fällt es den Betroffenen enorm schwer,
diese Krankheit für sich zu akzeptieren. Keiner mag sich mit dem Penner im Rinnstein vergleichen, niemand will als Versager dastehen – schließlich haben sich viele oft und lange mit ihrem Stehvermögen gebrüstet – echte Männer saufen halt mal – das ist einfach so. Oder die Hausfrau, die heimlich trinkt – sie möchte nicht als Versagerin dastehen, die nicht mehr in der Lage ist, ihren Pflichten nachzukommen.

Überhaupt wird Alkoholismus immer wieder mit Versagen in Verbindung gebracht – mit der Unfähigkeit, die eigenen Probleme regeln zu können. Aber genau dadurch wird die Krankheit weiter gefördert – der Druck wächst, und mit dem Druck der Alkoholkonsum. Mit dem sich steigernden Trinken aber wachsen wieder die Probleme. Der Teufelskreis ist komplett: Ich trinke, weil ich Probleme habe und ich habe Probleme, weil ich trinke.