Scheinbar harmlose Entscheidungen

Herr R. entdeckte plötzlich eine Ausfahrt. Ein großes Schild zeigte an: „Alzey/ Deutsche Weinstraße". Herr R. entscheidet sich sofort, die Autobahn zu verlassen, um auf der Landstrasse die verlorene Zeit aufzuholen. Jetzt hinderten ihn allerdings wiederholt Lastwagen, Ortsdurchfahrten mit Ampeln und unübersichtlichen Kurven am zügigen Vorwärtskommen. Herr R. musste allmählich erkennen, dass er wohl nicht mehr rechtzeitig zu Hause sein wird. Frustriert biegt er in dem Örtchen Edenkoben in der Pfalz von der Hauptstraße ab, um hier einen Kaffee zu trinken und vor allem seine Frau anzurufen. Er parkt seinen Wagen vor einem Café unmittelbar neben einem Weingut, bei dem gerade auf einem großen Schild eine Weinprobe angezeigt wird.
 
Erst jetzt wird Herrn R. bewusst, dass er sich ja in einem der berühmtesten Weinanbaugebiete Deutschlands befindet und tatsächlich lauter Schilder am Straßenrand zur Weinprobe eingeladen hatten. Ihm kommt die Idee, angesichts der Verspätung seinen Gästen zu Hause wenigstens einen „guten Tropfen" mitzubringen, und er betritt das Weingut. Zwar denkt Herr R. bis zu diesem Moment nicht im Traum daran, selbst Alkohol zu trinken. Ohne es aber selbst zu merken, hat er sich aber durch mehrere so genannte „scheinbar harmlose Entscheidungen" in eine Risiko-Situation begeben. Anders als auf der Autobahn besteht nunmehr durchaus die Gefahr eines Rückfalls:

Seine Pläne sind durcheinander geraten, und Alkohol befindet sich in unmittelbarer Nähe.

Für jeden Abhängigen sind ganz unterschiedliche Risikosituationen bedeutsam. Meist sind es Situationen, die früher eng mit einer angenehmen Alkoholwirkung verknüpft waren. Als die häufigsten Risikosituationen für einen Rückfall erwiesen sich in wissenschaftlichen Untersuchungen:
  •     unangenehme Gefühlszustände (z.B. Langeweile, Einsamkeit, Angst, Depression)
  •     Ärger und Konfliktsituationen (z.B. am Arbeitsplatz oder in der Familie)
  •     soziale Verführungssituationen (z.B. Andere fordern einem zum Trinken auf)
  •     Ob es in einer Risikosituation zu einem Rückfall kommt oder nicht, hängt von der weiteren Reaktion und Einstellung des Betroffenen ab.